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Mobile Klangkunst
Über den Walkman
als Wahrnehmungsmaschine
von Frank Schätzlein
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[Einleitung und zweiter Teil aus dem Aufsatz in:
Radio-Kultur und Hör-Kunst. Zwischen Avantgarde und Popularkultur
1923-2001. Hrsg. von Andreas Stuhlmann. Würzburg: Königshausen
& Neumann 2001. S. 176-195. Zu diesem Aufsatz gehören auch weitere Kapitel über die
Technikgeschichte, die wissenschaftliche Forschung und über den Walkman
im Film sowie ein
Literaturverzeichnis. Diese Kapitel sind nicht im Buch
abgedruckt, können hier
aber online nachgelesen werden.]
Inhalt:
1. Einleitung
2. Raumakustische Phänomene beim
Walkman-Hören I: Raum im Raum
(mit
Abbildung: Raumakustik beim Walkman-Hören)
3. Raumakustische Phänomene beim Walkman-Hören II: „Raum-Spaltung“
4. Die „Kino-Metaphern“
5. Bewegung und Walkman-Nutzung
6. Radio und Walkman: keine Gegensätze
7. Der Walkman als Element der Klang- und Radiokunst
8. Der Walkman im Hörspiel und Hör-Spiele mit dem Walkman
9. Gegen den Lärm der urbanen Klanglandschaft: Walkman und Klangökologie
10. Der Walkman als Wahrnehmungsmaschine und technische Schule des
Hörens
11. Anmerkungen
1. Einleitung
Der Walkman [1] ist mehr als
nur ein Wiedergabegerät für Audiokassetten. Er kann zur individuellen
und künstlerischen Gestaltung von Klanglandschaften, zur Förderung der
Wahrnehmungsfähigkeit und zur gezielten Kombination unterschiedlicher
Klangereignisse und Klangräume eingesetzt werden. Die Sensibilisierung
der auditiven Wahrnehmung lässt sich nicht nur trotz des Walkmans,
sondern auch durch den Walkman erlangen – dass dies keine Utopie ist,
haben die Projekte zahlreicher Audiokünstler in den letzten zwanzig
Jahren bewiesen.
Das Gerät ist inzwischen ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags
geworden. Heute existieren zahlreiche technische Ausdifferenzierungen
für unterschiedliche Tonträger und die speziellen Wünsche der
verschiedenen Nutzergruppen. Kinder und Jugendliche müssen den Walkman
nicht erst für sich entdecken, er ist aus ihrer Mediennutzung längst
nicht mehr wegzudenken. Aber auch Künstler nutzen den Apparat: Er dient
ihnen entweder als technisches Element ihrer künstlerischen Arbeit oder
sie thematisieren in ihren Produktionen die Ästhetik und die
gesellschaftlichen Folgen der Walkman-Nutzung.
Ansatzpunkte dieser Arbeit sind die technischen, medienästhetischen,
musikpsychologischen und künstlerischen Aspekte des Geräts. Auf der
Grundlage von Selbstbeobachtungen und der vorliegenden künstlerischen
und wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema werden die Besonderheiten der
mobilen Musik- und Umweltwahrnehmung beschrieben sowie Klangkunst- und
Hörspielprojekte mit dem Walkman vorgestellt.[2]
Das Ziel ist eine Darstellung des Apparats, die es ermöglicht, ihn
nicht mehr nur als „unbekannte Alltagsmaschine“ (Rainer Schönhammer)
oder Lärmquelle, sondern (auch) als eine Wahrnehmungsmaschine zu sehen.
Eine Maschine, die dem Nutzer bzw. Hörer neue Dimensionen der auditiven
und visuellen Wahrnehmung erschließen kann.
Der Kopfhörer wird zwischen Mensch und Umwelt geschaltet und
modifiziert dadurch die subjektive Wahrnehmung. Durch den Walkman
verändert sich sowohl die Perzeption der Umgebung des Hörers als auch
der Klänge aus dem Kopfhörer; beide Ebenen treten in eine neue
Beziehung, ihre charakteristischen auditiven Merkmale werden
hervorgehoben. Der Walkman isoliert seinen Nutzer nicht nur mehr oder
minder von der Umwelt und ihrer Wahrnehmung, er kann sie durch
sinnlich-ästhetische Wechselbeziehungen auch neu bewusst machen. Zudem
ermöglicht die mobile Rezeptionssituation einen spielerischen Umgang
mit der subjektiven Umweltwahrnehmung. Der Walkman-Nutzer erlebt eine
Raum-Spaltung: Mit Hilfe des Kopfhörers wird die akustische Ebene der
den Hörer umgebenden Umwelt von der optischen Ebene getrennt. Diese
Spaltung des Raums in eine unabhängige optische und akustische
Dimension ermöglicht vielfältige Wahrnehmungserfahrungen
(„Kino-Metapher“ und Wahrnehmungseffekte durch Bewegung). Auch das mit
dem Walkman wiedergegebene akustische Material, z.B. Musik,
Radiomoderation oder Wortbeiträge, besitzt eine spezifische
raumakustische Gestaltung. Diese mediale Akustik kann – je nach
Nutzungssituation – in einem Gegensatz zu den raumakustischen
Eigenschaften der Umgebung stehen. Dadurch wird ein neuer akustischer
Raum im Umweltraum geschaffen (Raum im Raum).
So lässt sich die Walkman-Nutzung „in der Allgegenwart und Flut des
Medienhörens“ als ein Musterbeispiel für „neue akustische
Gestaltungsformen und neue Rezeptionsweisen“ ansehen, die von der
Klangkunst und Radiokunst aufgenommen und künstlerisch reflektiert
werden.[3] Die akustische und
visuelle Erlebniswelt des Walkman-Hörers ist insofern nicht – wie
zahlreiche medienkritische und kulturkritische Autoren behaupten – die
Scheinwelt eines „Tagtraumwandlers“, „Nomaden“ oder „Narzissten“, der
sich auf der Flucht vor der Realität befindet, sondern ein
faszinierendes Phänomen technisch gestalteter Wahrnehmung. Das Ziel
einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Walkman ist letztendlich
„die medienspezifische Komposition oder das Walkman-Feature“ bzw.
-Hörspiel.[4] Dan Lander,
Christina Kubisch, Peter Ablinger, Willem de Ridder, Walter Siegfried,
Jakob Paul Gillmann und andere haben die Idee einer spezifischen
Walkman-Kunst mit ihren Arbeiten verwirklicht.
2.
Raumakustische Phänomene beim Walkman-Hören I: Raum im Raum
Für die Untersuchung der Musik- und Umweltwahrnehmung mit dem Walkman
bilden zwei gegensätzliche Ausgangshypothesen die Grundlage: Einerseits
wird bei den Erläuterungen zu raumakustischen Phänomenen, dem Raum im
Raum, von einer durch die Aussagen der Nutzer auch immer wieder
bestätigten Durchlässigkeit des Kopfhörers für Umgebungsgeräusche
ausgegangen, die somit vom Benutzer wahrgenommen werden (können);
andererseits setzten die übrigen Ausführungen zur „Kino-Metapher“,
Klangökologie und „Raum-Spaltung“ jedoch eine (zumindest beinahe)
vollständige Ausblendung dieser Geräusche voraus. Auch andere Beiträge
müssen implizit von dieser Annahme ausgehen, um ihre
Untersuchungsergebnisse zu bestätigen, sie wird dort allerdings weder
formuliert noch diskutiert.
Der konventionelle Walkman ist nur mit einem kleinen und technisch
einfachen Kopfhörer ausgestattet (oft sogar nur mit einer
Miniaturausführung in Form von Ohrhörern), der nicht über große, das
Gehör gegen Störgeräusche von außen abschließende Wiedergabesysteme in
geschlossener Bauform verfügt.[5]
Durch diese Vorgabe des Produktes ist es dem Nutzer möglich, sowohl die
Musik aus dem Kopfhörer als auch Klänge, Geräusche, Sprache und Lärm in
seiner direkten akustischen Umwelt wahrzunehmen. Eine Ausnahme bildet
hier die Situation, in der der Pegel der Walkman-Wiedergabe so hoch
ist, dass alle Umweltgeräusche übertönt werden. Wie viele entsprechende
Befragungen bestätigen, sind die Walkman-Nutzer im Normalfall demnach
keineswegs akustisch so von ihrer Umgebung abgeschottet, wie es von
vielen Autoren behauptet wird.[6]
Selbstverständlich schließt dies aber nicht die Möglichkeit aus, dass
der Nutzer selbst versucht, sich mit Hilfe der Musik zumindest
psychisch abzuschotten.
Schallereignisse breiten sich auf eine spezifische Weise im sie
umgebenden akustischen Raum aus: mit viel Hall, vielen
Schallreflexionen oder im Gegensatz dazu mit sehr wenig Hall, zum
Beispiel bei Sprachaufnahmen im sogenannten „schalltoten“ Raum eines
Tonstudios. Dies gilt nun in der Übertragung auf die Anwendung des
Walkmans sowohl für die Klänge, die der Rezipient aus dem Kopfhörer
hört, als auch für den Schall der ihn umgebenden Klanglandschaft. Im
Vorgang der auditiven Wahrnehmung, d.h. ‚im Kopf’ des Hörers,
verschmelzen demzufolge die akustischen Charakteristika von zwei
verschiedenen Räumen. So überlagert beispielsweise der starke Hall
eines Konzertmitschnitts (Orchester im großen Konzertsaal) aus dem
Kopfhörer die gleichzeitig wahrgenommene ‚trockene’ Akustik eines
kleinen Raums, in dem sich der Walkman-Nutzer aufhält (U-Bahn,
Fahrstuhl). Oder umgekehrt: Die ‚raumlose’ Sprache einer im schalltoten
Raum aufgenommenen Hörspielszene ist zu hören, während der Rezipient
durch eine Bahnhofshalle oder eine Unterführung geht. Die simultane
Überlagerung unterschiedlicher Hör-Räume und ihrer Schallphänomene wird
noch komplexer, wenn der Hörer mit seinem Gerät Musik oder Hörstücke
abhört, die in künstlerischer Absicht den stereofonen Raum
gewissermaßen choreographisch gestalten.[7]
Da der Kopfhörer eines konventionellen Gerätes den Nutzer nur teilweise
akustisch nach außen abschirmt, ist eine gleichzeitige auditive Präsenz
von zwei in ihren akustischen Eigenschaften völlig unterschiedlichen
oder gegensätzlichen Räumen möglich: Zumindest akustisch entfaltet sich
ein Raum im Raum. Durch die in unserem Leben gesammelten und
gespeicherten unbewussten Erfahrungen mit der Wahrnehmung einer
einheitlichen Akustik der uns im Alltag umgebenden Räume werden wir als
Benutzer eines Walkmans schnell auf die hier stattfindende
raumakustische Überlagerung aufmerksam – allerdings ist uns
möglicherweise nicht sofort bewusst, was uns an den gerade erfahrenen
akustischen Sinneseindrücken irritiert. Im Alltag bemerken wir die
große Bedeutung des rein auditiven Teils der Wahrnehmung an einer
sicheren Orientierung im Raum (und Bewegung in diesem Raum) gewöhnlich
nicht. Das ‚Spiel’ mit den akustischen Räumen des Tonträgers und der
uns umgebenden Klanglandschaft, das uns bei einer entsprechenden
Verwendung des Walkmans möglich wird, versetzt uns aber (wieder) in die
Lage, die Qualität unserer sinnlichen Erfahrung der akustischen Umwelt
zumindest in Bezug auf die Raumakustik zu steigern – wir sind durch die
Funktionsweise des Gerätes, das einen Bruch in der Wahrnehmung unserer
Klanglandschaft erzeugt, irritiert und richten unsere dadurch geweckte
und gesteigerte Aufmerksamkeit auf Sinnesphänomene der Umgebung.

Abb.: Raumakustik
beim Walkman-Hören
[...]
11.
Anmerkungen
[1] Beim „Walkman“ handelt
es sich um ein geschütztes Warenzeichen der Sony Corporation. Andere
Hersteller und Händler wählen deshalb für ihre Geräte abweichende Namen
wie „Walker“ oder „City Bummler“. Mit dem Begriff „Walkman“ wird ein
mobiles, mit relativ kleinen und einfachen Kopfhörern ausgestattetes
Abspielgerät für Musikkassetten, Compact Discs (Discman), Mini-Discs
oder Computerdaten (z.B. als MP3-Player) bezeichnet. Integriert sind
häufig Möglichkeiten zum Radioempfang und zur Aufzeichnung vom Radio,
vom eingebauten Mikrofon oder von anderen extern angeschlossenen
Audiogeräten. Die Funktionen solcher Geräte können aber auch heute
schon von PDAs (Personal Digital Assistants) oder multimediafähigen
Handys übernommen werden.
[2] Weitere Kapitel des
gekürzten Aufsatzes (zur Technikgeschichte, wissenschaftlichen
Forschung und zum Walkman im Film) unter
www.akustische-medien.de/aufsatz/mobile2.htm
[3] Golo Föllmer,
Klangorganisation im öffentlichen Raum. In: Helga de la Motte-Haber
(Hrsg.), Klangkunst. Tönende Objekte und klingende Räume. Laaber 1999.
S. 191-228, hier: S. 209.
[4] Wilfried Bestehorn, Die
einsame Art, Musik zu hören. Funktion und Gebrauch des Walkman. In:
Musik und Gesellschaft 36 (1986). H. 9. S. 479-482,
hier: S. 482.
[5] Vgl. auch Rainer
Schönhammer, Walkman-Erfahrungen. In: Helmut Rösing (Hrsg.), Musik als
Droge? Zu Theorie und Praxis bewußtseinsverändernder Wirkungen von
Musik. Mainz 1991. S. 39-47, hier: S. 42. Zum
Höreindruck bei HiFi-Kopfhörern mit geschlossenen Wiedergabesystemen
siehe Gerhard Strube, Lokalisation von Schallereignissen. In: Herbert
Bruhn u.a. (Hrsg.), Musikpsychologie. Ein Handbuch in
Schlüsselbegriffen. München 1985. S. 65-69, hier:
S. 68.
[6] Vgl. dazu die
Ergebnisse einer Befragung in Giselher Schuschke, Frank Rudloff, Sven
Grasse und Elsa Tanis, Untersuchungen zu Ausmaß und möglichen Folgen
jugendlichen Musikkonsums.Teil 1 - Ergebnisse der Befragung. In:
Zeitschrift für Lärmbekämpfung 41 (1994). S. 121-128, hier:
S. 127.
[7] Zur künstlichen und
künstlerischen „Raumarchitektur“ in Musik und Hörstück vgl. Christian
W. Thomsen, Angela Krewani und Hartmut Winkler, Der Walkman-Effekt.
Neue Konzepte für mobile Räume und Klangarchitekturen. In: Daidalos 36
(15. Juni 1990). S. 52-61, hier:
S. 60 f. Choreographische Konzeptionen des
stereofonen Raums im Hörspiel beschreibt Werner Klippert, Elemente des
Hörspiels. Stuttgart 1977. S. 22-29.
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Textfassung vom 04.09.2001
(3a, Kap. 1-2), Copyright © Frank Schätzlein
URL: http://www.akustische-medien.de/texte/mobile1.htm
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